Sara, Rojbîn, Ronahî

Am gestrigen Tag, dem neunten Januar, wurden vor sechs Jahren in Paris Sakine Cansız (Sara), Fidan Doğan (Rojbîn) und Leyla Şaylemez (Ronahî) von einem Agenten des türkischen Geheimdienst (MIT) ermordet. Alle drei waren Teil der kurdischen Frauenbewegung und spielten eine bedeutende Rolle in der Frauenorganisierung in Kurdistan und Europa.

An ihrem Todestag fanden in der ganzen demokratischen Konföderation Nord/-Ostsyrien Aktionen statt. In jeder größeren Stadt gab es Demonstrationen, so auch in Derik, einer Stadt im Osten des Kantons Cizire, wo wir uns für wenige Tage aufhalten und an der Demo teilnehmen.

Langsam wird es auch hier in Rojava kalt. Zwischen Regen und Hagel kommt allerdings immer mal die Sonne raus. Wir laufen innerhalb des Frauenblocks für eine Stunde vom Jugendzentrum bis zum Şehid-Beyram-Platz. Zwischen den lautstarken Rufen kommen wir auch in Gespräche mit den Frauen um uns herum. Die aktuelle Bedrohungslage ist dabei immer wieder Thema. Eine Vertreterin von Kongreya Star, dem Dachverband der kurdischen Frauenbewegung, betont, dass man sich einer Besetzung nicht beugen wird. Die Bevölkerung und die militärischen Einheiten seien bereit, das befreite Rojava und Nordsyrien, das auf der Basis der Kämpfe von unter anderem Hevala Sara, Rojbîn und Ronahî aufgebaut wurde, zu verteidigen.

Die Angriffe gegen die demokratische Konföderation richten sich vor allem gegen die Frauenrevolution, die eine lebendige und friedliche Alternative für die Menschen hier bietet. Diese Alternative ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie wurde sich in jahrelangen Kämpfen hart erarbeitet. Kämpfe, die allen voran Sakine Cansız führte. Sie gilt als Vorreiterin der Frauenrevolution und hatte eine prägende Rolle bei der Gründung der PKK. Der Aufbau von autonomen Fraueneinheiten ist auf sie zurückzuführen. Wie viele andere war auch sie lange in der Türkei inhaftiert und spielte eine bedeutende Rolle im Gefängniswiderstand von Amed. Nicht nur durchstand sie die heftige Folter ohne Aussagen zu tätigen, sondern schaffte es, die Frauen hinter den Gefängnismauern zu organisieren und eine gemeinsame Kraft zu entwickeln.

Ihre Ideen leben heute im Aufbau der demokratischen Konföderation Nord/-Ostsyrien weiter. Betrachten wir die Angriffe darauf, ist deutlich wogegen sie sich richten. Gegen die organisierte Kraft der Frauen, die in die ganze Welt strahlt. Gegen die Revolution und das alternative Gesellschaftsprojekt, das die geschichtliche und wissenschaftliche Deutungshoheit des patriarchalen kapitalistischen Systems in Frage stellt.

Auch Europa nimmt hier eine tragende Rolle ein. Es ist insbesondere Deutschland, das die Repression und Verfolgung linker kurdischer Politik in den letzten Jahren massiv vorangetrieben hat. Die Einstufung der PKK als Terrororganisation hier ist keineswegs gesamteuropäische Linie, führte aber in Deutschland zu einer Reihe von Symbolverboten und Ermittlungen. Zunehmend folgen daraus lange Haftstrafen für kurdische Aktivist*innen und Unterstützer*innen der Freiheitsbewegung. Der Ermittlungswille der europäischen Behörden gegenüber der kurdischen Freiheitsbewegung scheint umso heuchlerischer angesichts dessen, dass die Morde an den Freundinnen in Paris noch immer nicht aufgeklärt sind. Viel mehr noch wurden die Ermittlungen eingestellt.

Am Samstag findet in Paris eine Großdemo gegen die Ermordungen an den drei Freundinnen statt. Diese Angriffe auf die Frauenrevolution betreffen uns alle. Am 12.1. ist die Gelegenheit auch dort, wo die Freundinnen ermordet wurden, zusammen zu kommen, ihnen zu gedenken und unsere Wut auf die Straße zu tragen.

0 Kommentare